Archiv für August 2008

Antifa, Bürgernah, Schallala

Die ALB und andere bringen eine Zeitung für Brandenburg heraus, in der das „Problem des Neofaschismus sehr einfach [erklärt wird]“. Schlauer werden die BrandenburgerInnen durch die Lektüre sicher nicht: Nazis sind „Lügner, Betrüger, Schläger, Abzocker und Kriminelle.“Sind das die BrandenburgerInnen, die in diesen Kategorien vermeintlich denken, oder die Antifa? Weitergehts: Die Nazis fordern „Jeder Dritte soll weg“. Und dass, obwohl Brandenburg eh schon alle nicht-unterschichtler davon laufen. Ein wenig Geschichtsunterricht gibts aber auch noch: Im 19.Jahrhundert sind BrandenburgerInnen in die USA eingewandert und die Amis fühlen sich dennoch nicht überfremdet.Und:Leonardo Di Caprio ist ein Volksgenosse.
Nebenbei lernt der Hartz4-Empfänger aber auch, dass es ihm zwar beschissen geht, anderen- den Flüchtlingen- aber noch mieser. Das tröstet. Am schönsten ist aber Seite 6, „Große Klappe und nichts dahinter:NPD und DVU brechen reihenweise ihre Wahlversprechen“. Wie schade. Für diejenigen, die sich nicht von der brillianten Argumentation haben überzeugen lassen und immer noch gerne rechtswählen würden? Früher war eben alles besser.

schon wieder gentrification…

Gentrification war lange die Domäne der StadtsoziologInnen und wurde dann von HausbesetzerInnen aufgegriffen um nicht nur die eigenen Projekte und den sog. eigenen Kiez sondern auch die Müllberge auf dem Hof zu verteidigen sowie alle Vorschläge, hauseigene Kneipen gemütlicher zu machen mit demVerweis auf das mahnende Beispiel S.-D.-Straße zu sabotieren. Manch stöckelschuhtragende Kieztouristin liess sich aber weder von Hunden noch Ratten davon abhalten, selbst schwerzugängliche Bars zu besuchen (R84-R.I.P). Die Strategie Berlin bleibt dreckig & laut war gentrificationtechnisch gesehen wenig erfolgreich, sorgte aber durch die Polizeieinsätze für actionreiche Abendunterhaltung.
Nach fünf Folgen über SozialesElend_Ausländer_Kriminalität in Nordneukölln, hat Spiegel-TV festgestellt, dass die Anwesenheit von Transen im sonst „muslimisch geprägten“ Kiez ein Anzeichen für Aufwertung sei.
Jetzt widmet sich auch die Jungle World dem leidigen Nordneukölln-Thema, „Infantilisierte“ nerven Migranten und Harz4-Empfänger mit Partylärm und tragen Neukölln T-Shirts, die nur der etablierten Kiezjugend vorbehalten sind. Ohne einen Kommentar zur politischen Ökonomie des Wohnungsmarkts wird die „Pioniertheore“ übernommen und mit merkwürdigen Ausführungen zum Zusammenhang von Gentrification und S-Bahnlinien ausgeschmückt: Wir lernen: Moabit ist im kommen. Immerhin wäre dann nicht die Linke schuld an der Misere, die sich dort bestenfalls zu Knastdemos aufhält. Da hätte der Wedding schon bessere Chancen, auch wenn bislang die Versuche von Stadtmagazinen und QM mit langen Nächten des Döners den Bezirk zum neuen In-Kiez zu hypen gescheitert sind.

Arbeitswelten

In letzter Zeit verdiene ich mein Geld damit, dass ich die Azubis und Azubileiter einer internationalen Discounterkette mit den billigsten Hausmarke-Alkoholika abfülle. In intoxierten Zustand werden diesen dann auf den Unternehmensnamen zugeschnittene Tracks und Visuals vorgespielt zu denen sie dann mitgrölen, knutschen, saufen, sich in den Armen liegen und irgendwie gräbt sich dann die Corporate Identity so tief ins Unterbewusstsein, dass sie selbst den Filmriss übersteht. Der Exzess ist natürlich streng aber kaum merkbar reguliert, so wie es der engmaschigen Mitarbeiterführung, für welche das Unternehmen bekannt ist, entspricht. So wurde das Gelände sorgfältig durch Sicherheitskräfte abgeriegelt, damit niemand sich vorzeitig von der Party entferen konnte. Ob die stattgefundenen Peinlichkeiten und Ausfälle gewollt von der Unternehmungsleitung provoziert wurden, um entweder die Zeugung von Nachwuchs anzuregen oder die Mitarbeiter auf Lebenszeit erpressbar zu machen, bleibt reine Spekulation.

Hindu-Tempel & Gentrificationdiskurs

Die Auseinandersetzung um den Hindu-Tempel in Neukölln weisst einige Parallelen zu den gängigen Gentrifizierungsdiskursen auf und ist von beiden Seiten (Bezirk und Rechte) rassistisch gefärbt. Multi-kulti-ist-gescheitert-Bürgermeister Heinz Buschkowsky votiert für den Tempel mit der Begründung, dass es sich bei den Hindus um „Leistungsträger“ und „Einser-Abiturienten“ handele (BILD), die nicht nur ein Gegengewicht zu den Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen im Bezirk sondern auch zu den „teilweise ausgeprägten Hegemonieansprüchen muslimischer Einwanderer“(taz) bilden. In der Stadtsoziologie nennt man das „soziale Durchmischung“. Darüber hinaus verspricht sich Buschkowsky vom Tempel eine Touri-Attraktion und eine Image-Aufwertung des Stadtteils (taz).Buschkowsky hofft also auf Stadtteilaufwertung und eine deutsch-hindu-Koalition gegen muslimische Migranten. Mit etwas weniger workungclass-bashing hätte er mit dem zweiten Vorschlag auch bei der NPD landen können.
Die NPD greift in ihrem Aufruf weniger auf Rüttgers (deutsche) Kinder -statt- Inder-Vorlage zurück, sondern bedient sich Fragmenten der Gentrificationgegner, mit dem Unterschied, dass mit „einheimisch“ nicht nur working class sondern auch deutschstämmig gemeint ist. Die NPD appelliert an diffuse Verdrängungsängste, in dem 8,5 zeiligen Aufruf geht es dreimal um „optische Veränderungen“ die aus zu erfindenden Gründen nicht hingenommen werden können („Schon bald wird der ehemalige Arbeiterbezirk nicht mehr wiederzuerkennen sein“) und prophezeit den „Austausch der heimischen Bevölkerung“durch IT-Inder mit Streberkindern.
(jaja, alles etwas krude)




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