Archiv für Dezember 2006

Prost Neujahr

Heute ist mein erster Arbeitstag nach dem allweihnachtlichen Familienbesuch. Um die Weihnachtszeit werden bekanntlich alle sensibel für das Elend der Welt und so hat mein Arbeitgeber in einem Rundschreiben uns Arbeitnehmern zu bedenken gegeben, dass wir, wenn wir mit unseren Löhnen unzufrieden sind, doch mal einen Blick über den eigenen Tellerand und die Landesgrenzen werfen sollen, um festzustellen, dass es uns doch ganz gut geht. Dem ist nichts hinzuzufügen. Weihnachten selbst hab ich ganz gut überstanden. Eine Fieberattacke knockte mich aus und verschaffte mir Generalamnestie von Verwandschaftsbesuchen und anstrengenden Gesprächen über meine Zukunft und ungefragten Ratschlägen. Leider hatten die Geschäfte geschlossen und ich konnte mein Siechtum nicht dazu benutzen, meine Mutter zum Kauf meiner Lieblings(soft)drinks zu veranlassen und leider funktionierte die Fernbedienung des HDTV-geeigneten Fernsehers meiner Eltern nicht, so dass ich aufgrund körperlicher Schwäche, hilflos den schlimmsten Weihnachtssendungen ausgesetzt war. Und Internet über einen analogen Telefonanschluss ist auch nicht spassig.
So jetzt noch Sylvester überstehen, irgendwie finde ich ja die immergleichen Szene-Sylversterrituale inzwischen genauso schal wie das familiäre Weihnachtsfeiern, nun ja ---> viel trinken hilft viel. Ekzessives Trinken, jetzt „Binge Drinking“genannt ist zwar populär, allerdings warnt eine Britische Anzeigenkampagne der Portman Group: Ladies passt auf- Saufen macht fett & hässlich!Na Danke!. Für die Boyz gibt es einen Werbespot mit der Message: Trink nicht soviel, dass Du einem Typen eine reinhaust, denn das verschreckt das Mädchen, auf dass Du so scharf bist. Und was ist bitteschön mit dem Bierbauch? Soviel zur Geschlechtergerechtigkeit zu Beginn des 21.Jahrhunderts.

Advent, Advent

adventskalenderSo ein Adventskalender ist eine ganz schöne Herausforderung. Einer meiner Mitbewohner hatte diese bereits im September (oder Oktober?) bei dem Discounter unseres Vertrauens erworben, der gegenwärtig mit dem sozialrevolutionären Slogan „Luxus für Alle“ für seine Produkte wirbt. Dies verwundert mich etwas, wurde der Slogan doch früher von der Linkspartei, den Studibewegten und der Wir-wollen-Alles Fraktion proklamiert. Ausserdem heisst es ja, dass die Arbeitsbedingungen nicht so luxuriös seien, so fordert eine Gewerkschaft „Respect“ für die Angestellten ein. Man merkt an der Wortwahl: heute ist alles Hip-Hop. Dennoch leidet meine Solidarität mit der Lidl-Belegschaft etwas aufgrund schlechter Erfahrungnen in der Vergangenheit, als ich im Rahmen systemumstürzlerischer Handlungen -völlig zu Unrecht- beschuldigt wurde, eine flasche Wasser bei Lidl geklaut zu haben, und die Kassiererin vor den Bullen gegen mich (falsch-)aussagte, was mir eine Strafe einbrachte, von der ich bis zum Ende meines Lebens hätte Lidl-Wasser trinken können. Egal. Auf jedenfall verlangt so ein Adventskalender eine Menge Disziplin. Einen geregelten Tagesablauf, wo man jeden Tag dran denkt, ein Türchen aufzumachen, die Schoki rauszunehmen und zu essen. Als Kind ging das, aber jetzt vergesse ich das immer, hab keine Lust auf die Schokolade und weiss auch nicht das Datum. Als ich Sonntagmorgen heimkam und mir eh schon schlecht war, hab ichs dann aber zum erstenmal geschafft, meine Türchen zu öffnen und die Schoki runterzuwürgen. Hab einfach bei meinen Mitbewohnern gespickt, wo die Türchen schon offen waren.

Videogames

Videospiele machen bekanntlich aus harmlosen Jugendlichen kaltblütige Killer. So brachte ein 19-jähriger aus Cottbus mit einem Faible für Hakenkreuze einen Obdachlosen um:“ Er habe ihn nur verprügeln wollen, genauso, wie er es zuvor im Spiel als Wrestling-Kämpfer mit seinem Gegner getan habe, sagt er vor Gericht. Diesmal aber wollte er gewinnen.“( Quelle). Dieser Problematik nimmt sich nun auch eine Kampagne der Londoner Polizei an.
Knife City soll Jugendliche mit der Massage „It’s not a game“ für den Umgang mit Waffen sensibilisieren. Für ein weiteres Projekt der Londoner Polizei „Trident“ wurde mit den Grimern von Roll Deep ein Video gedreht, dass auf die Problematik von Schusswaffenbesitz aufmerksam machen soll. Wenig Message, aber immerhin guter Soundtrack. Und es ist fraglich, ob es bei soviel Street-Gamg-Romantik wirklich sein Ziel ereicht, dem „glamour of guns“ entgegen zu wirken.

Und in der BRD? Hier ist nicht East-London. Keine coolen Videos, keine Abschreckung mit Verweis auf die tödlichen Folgen. Stattdessen wird auf der Seite TIME4TEEN, anhand der Bildergeschichte „Warum Rolf- Chronik einer Rauferei“ in 80er-Jahre Lehrfilm-Manier detalliert geschildert, was einem alles so passiert, wenn man einem Mitschüler in der Pause auf die Nase haut….Kein Gangster- Glamour, sondern deutscher Polizei- und Rechtsstaat in Aktion.

La Famiglia

godfatherDie postmoderne (oder wars die postfordistische?) Gesellschaft ist ja bekanntlich gekennzeichnet von Individualisierung und sozialer Isolation durch das verschwinden der Groß- und später Kleinfamilien und der Auflösung der sozialen Netzwerke. Das zeigt sich heute bspw. daran, dass meine Mom mir kein Nikolaus-Päckchen gechickt hat, dafür hat mein Handy-Provider mir eine „I love you“MMS geschickt und mein Arbeitgeber grosszügig qualitativ minderwertige Schokoladen-Packs im Wert von ca.60Cent und 10.000Kcal verteilt. Gefreut hab ich mich über die Nachricht, dass ein neuer Mafiafilm von Scorsese ins Kino kommt. Nicht nur, dass ich auf Mafia-Filme stehe, dort spielen auch Leute mit, die ich noch aus der Bravo kenne (Remember Marky-Boy vom NKOTB?). good fellasDie Mafia vereint nämlich alles, was man sich so wünscht: Intakte Familien- bzw. Clanstrukturen, Loyalität untereinander, der Patriarch sorgt für das persönliche Wohlergehen und den beruflichen Erfolg und sobald einem Ungerechtigkeit erfährt, hält die Familie zu einem und beseitigt das Übel oder den Übeltäter. Im Gegensatz zur neoliberalen Ideologie und zunehmenden Individualisierung, in der sich jeder alleine durchschlagen muss und selbst verantwortlich für sein Glück ist, zählt hier der Zusammenhalt des Familienverbands und die unbestrittene Autoriät des Patriarchen. Viel schöner als in der Szene-Linken, wo alles so zerstritten ist, und die Diktatur des Plenums regiert. Ausserdem tragen die Familienmitglieder schicke Klamotten und glänzende Waffen und verfügen über Macht, Geld und Drogen.bzTröstlich ist, dass laut des neuesten Hetzartikels der BZ “ Wer den Staat nicht betrügt, ist selber Schuld!“ (klingt schon beinahe subversiv) zwar nicht jeder zum Familienoberhaupt eines berühmt-berüchtigten Clans aufsteigen kann, doch zumindest zum King oder Queen der Sozialhilfeempfänger kann man sich hocharbeiten.“Seitdem kann ich ein tolles Leben führen“, sagt Felix M. „Ich habe mir einen 7er BMW gekauft, trage Markenklamotten, fahre vier Mal im Jahr in den Urlaub und mache alle zwei Tage Party. Als ich noch kein Geld hatte, waren die Weiber nicht so scharf auf mich. Jetzt nehme ich fast jeden Abend eine mit nach Hause.“ Dem aufmerksamen Leser fällt allerdings sofort auf, dass die 345€ALG II gegenüber den 8000€ aus Schwarzarbeit nicht wirklich ins Gewicht fallen… Das bestätig die These, dass man ohne einen Patron, der einem einen lukrativen Job in der Halbwelt verschafft , nix geht.

Wochenende ohne Wochenende

Der Blick in den Einsatzplan offenbart mir schreckliches: Mein nächster freier Tag ist Dienstag, das ist verdammt depressing. Ausserdem gibt es nur noch Früchtetee – voll eklig, schmeckt nach Kinderfreizeit/Jugendherberge/Bildungsstätte-bäh. Ich will Schokolade!!! Entgegen der Empfehlung meines neuen Co-Trainers Ronny* (hört sich wichtig an- aber wenn hier andere mit ihrem Training rumprollen- ich kann das auch besser!) mit DDR-Leistungssport-Vergangenheit habe ich mich nicht nach dem Training & Duschen vollbekleidet zum „Nachschwitzen“ (hallo?) an die Heizung gesetzt, sondern war auf einem Konzert in einem kalten Keller, von dort bin ich auf eine Party, wo ich verabredet war oder dachte verabredet zu sein, konnte das noch nicht aufklären. Auf jeden Fall war ich allein unter lauter anstrengenden Menschen, so dass ich zunehmend übermüdeter und angetrunkener weiterzog. Bei der nächsten Veranstaltung, von einer mutmasslichen Nicht-Bloggerin treffend als „sexuelle Notstandsparty“ tituliert, führte ich dann zu sinnloser Konversation mit irgendwelchen Typen a la
Typ:“Findest Du mich aufdringlich?“
Ich:“Ziemlich.“
Typ:“Trinkst Du mit mir einen Jägermeister?“
Ich:“Nee danke..“
Typ:“ Warum magst du mich nicht“
Ich:[Immerhin ist das schon mal angekommen. Was sag ich jetzt?Du siehtst Scheisse aus?-Zu gemein.Was dann? Man soll sich nie unter Rechtfertigungszwang setzen lassen… Aber der Typ wartet auf eine Antwort….]
Typ:“ Dir fällt also nichts ein. Also magst Du mich doch!“
Ich:“Ähm,… [Klingt logisch. Stimmt trotzdem nicht. Kopf leer. Verzweifelte Suche nach einer Antwort liefert null Ergebnisse. Wann kommen die anderen endlich?].“
Typ:“Trinkst Du jetzt mit mir einen Jägermeister?“
usw.

*Name geändert




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