Auf den Spuren Loic Wacquants…

boxgymVor ein paar Tagen betrat ich zum ersten Mal den Boden einer Neuköllner Sportschule. Nach einem Jahr Training bei einem proletarischen Sportverein im Osten Berlins, wollte ich mir eine Stätte der Körperübungen in der Nähe meines Wohnortes suchen. Zum einen war mir der Weg zu weit, zum anderen hatte ich die dort abhängende Alt-Herren-Clique über, die die ansonsten nette Trainingatmosphäre beeinträchtigte. Ich machte mich also auf den Weg, nicht in die Southside Chicagos, sondern ins Zentrum NKs.
Als ich den Trainingsraum betrat, beendete gerade die Kickboxgruppe ihr Training mit Liegestützen und Verabschiedungsgruß. Ich kam mir ziemlich verloren vor und verpasste den fließenden Übergang zum Boxtraining, das ebenfalls mit Liegestützen begann, die von autoritärem Gebrülle des Trainers begleitet wurden. Kampfsporttrainer wirken auf den ersten Blick oft wie Bundeswehrfeldwebel und stellen sich bei näherem Hinsehen doch als Menschen dar. Mich schüchtert das dennoch jedesmal wieder von neuem ein. Nun ja, nach den Liegestützen schloss ich mich dem Training an und stellte schnell fest, dass ich neben etwa zwanzig oder mehr türkischen Jugendlichen und Adoleszenten die einzige Frau war. Und vermutlich auch die einzigste Person über 21 Jahre. Nach dem Aufwärem bestand die Wahlmöglichkeit zwischen Sandsack und Sparring und natürlich entschied ich mich für ersteres. Der Trainer, der sich zuvor mir gegenüber äusserst desinteressiert verhalten hatte, gesellte sich zu mir und hörte nach ein paar Sätzen endlich auf mich zu siezen. Nach drei Runden forderte mich ein Jugendlicher mit Zahnspange zmu Sparring auf. Ich lehnte sein Angebot ab und fragte mich, warum ein 15- bis 16-jähriger ausgerechnet mit einem Mädchen boxen will. Schliesslich liess ich mich zu einem lockeren Sparring überreden und das war natürlich ein Fehler. Während ich mich nicht wirklich traute, ihn zu treffen, fand er vollen Gefallen daran, mir mit voller Wucht zu zuschlagen. Weil er nicht mit sich reden liess und eine stärkere Gegenwehr meinerseits das ganze nur noch zu eskalieren drohte, zog ich mich wieder an den Sandsack zurück und ärgerte mich, mal wieder typische Geschlechterklischees bestätigt zu haben. Kurz darauf war das Training vorbei, ich hatte mit niemandem ausser dem Trainer auch nur ein Wort gewechselt und war froh, mich, den Fremdkörper, wieder entfernen zu dürfen.

share
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks

1 Antwort auf „Auf den Spuren Loic Wacquants…


  1. 1 mbw2 18. Oktober 2006 um 9:58 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: